Freitag, 27. Januar 2012

Nur ein Job (Teil 2)

Und weiter geht's ... Hier der Link zu Teil 1

Diesmal benutzten wir sogar eine Feuerleiter. Im fünften Stock angekommen, hatte ich meine Höhenangst überwunden. Einen anderen Weg gab es nicht; die Türen weiter unten waren ausnahmslos alle verrammelt und vernagelt. Eine Katze hüpfte davon, über das Netzwerk aus stählernen Treppen und Armierungen, die  bröckelnde Backsteine am Einstürzen hinderten. Das Angenehmste an dem ganzen Unternehmen war noch die Gegenwart von Blümchenkleid, und die Aussicht, endlich diesen Stick in Händen zu halten, der sich binnen Stundenfrist in einen ansehnlichen Batzen Geld verwandeln würde, was meine Existenz sichern würde, und meinetwegen noch die einer ganzen Hundertschaft stiller Teilhaber in jedwedem Gewande.
„Da sind wir.“ Sie stieß eine Türe auf. Sie bestand aus Stahl; ihre Ecken waren mit Klemmvorrichtungen versehen, also war das ziemlich eindeutig eine Feuertüre aus dem letzten Jahrhundert. Na ja, man mußte alles einmal mit eigenen Augen gesehen haben.
Innen war es reichlich dunkel und ziemlich kühl. Ich fror sogar ein wenig. Wir gingen ein Stück, bis zu einem Raum mit großen, gläsernen Oberlichtern, die am dichten Befall mit Moos und Dreck erblindet waren. Blümchenkleid schien diesen Ort zu kennen, worüber ich wirklich froh war, denn wieder trottete ich durch ein stinkendes Labyrinth, das auch noch immer dunkler wurde, bis ein schwacher Lichtschein mein Herz erleichterte; wieder eine Stahltüre, aber sie stand ein Stück offen, und Blümchenkleid huschte hindurch. „Ah, Jerome!“, hörte ich sie sagen.
Jerome saß an einem großen Tisch voller Technik. Eine ziemliche Investition, denn alles war vom Feinsten. Anscheinend bezahle ich Jerome zu viel.
„Jerome, du Mistkerl“, sagte ich in einem müden Abklatsch von Ellies Zorn. „Es ist FAST ZWEI! Wo ist mein STICK?“
Jerome drehte sich von der Tastatur zu mir herum und rieb sich die Nase. Das Licht einer einzelnen Lampe fiel auf seine Brille und eine OneEye Zwo-15, das sich an seine linke Gesichtshälfte schmiegte wie ein Samthandschuh. Wirklich, ich zahle ihm ganz entschieden zu viel.
„Archer. Mein alter Freund und Vertragspartner!“
„Jerome, du unzuverlässiger Nichtsnutz!“
„Setz dich, Archer.“ Aus dem Halbdunkel rollte mir ein Stuhl entgegen. Blümchenkleid kicherte, an eine stählerne Säule gelehnt, die entweder dem Alptraum besoffener Designstudenten entsprungen war, oder einem alten Film.
Na gut, dann eben im Sitzen.
„Jerome. Es ist fast zwei. Wo ist mein Stick? Entschuldige die Weltbank-Geschichte. Dein Geld kommt morgen, versprochen. Ich war auf Papua. Das ist eine kleine Insel.“
„War es nett dort, auf Papua?“
„Geht so. Hör‘ mal. Laß uns über den Preis reden, okay? Bist du unzufrieden? Ich meine – eine Zwo-15. Wer kann sich das schon leisten? Aber wenn du unbedingt darauf bestehst, erhöhe ich …“
„Na ich kann mir das leisten, Archer. Mein Freund.“
Ich glaube, ich habe ihn angeglotzt. Er gab mir ein paar Sekunden Zeit, dann sagte er: „Hörst du mich, Archer? Ich kann es mir leisten. Verstehst du?“
Ich fühlte mich ein wenig verloren in diesem Moment. Was sollte das heißen? Blümchenkleid hörte auf zu kichern. Sie stand hinter mir, was ein angenehmes Gefühl war; irgendwie verband sie mich mit einer Welt, die ich noch verstehen konnte.
„Also, ja, ich glaube schon.“ Meine Kehle war ein wenig trocken. „Es ist also nicht der Preis. Aber was ist dann das Problem? Und wo ist mein Stick?“
„Es ist nicht der Preis.“ Er drehte sich herum auf seinem Stuhl, einmal im Kreis, und blickte mir dann lächelnd ins Gesicht: „Siehst du, Archer, du bist ein mieser Ausbeuter. Ein Schwein wie aus dem Bilderbuch. Aber eben ein Schwein mit Zertifikat. Darum bekommst du die Aufträge, und nur du. Aber da du ja bekanntlich zwar faul, aber nicht blöd bist, hängst du dich an die gleiche Masche wie all die anderen faulen, aber nicht blöden Schweine. Es weiß doch einfach jeder: Millionen von uns leben so lange von der Hand in den Mund, bis sie keinen Finger mehr finden, aber deswegen sind sie noch lange nicht dumm. Aber man braucht ein Zertifikat, und für ein Zertifikat bracht man Geld und die passenden Verbindungen ... Und ach ja, bevor ich es vergesse: auch noch das richtige Geschlecht, die richtige Hautfarbe, und wenn es geht, noch die passende Religion. Ohne Zertifikat läuft nichts.“
Mein Hirn sprang an, endlich: „Du möchtest also ein … Zertifikat?“ Wie bekam man ein Zertifikat? Es würde den Konkurrenzdruck erhöhen, ganz sicher, außerdem war es so illegal wie die Sprengung des Parlaments … Ein Zertifikat. „Ein Zertifikat. Warte. Da gibt es …“
Blümchenkleid kicherte im Hintergrund. Auch Jerome wirkte belustigt.
„ … Möglichkeiten.“
Er gab mir erneut die Zeit, auf den Nachhall meiner eigenen Worte zu lauschen. „Nein, Archer, du ausbeuterischer Hund … Nein.“ Er seufzte. „Bist wohl doch nicht so intelligent, wie ich angenommen hatte.“ Und an Blümchenkleid gerichtet: „Ist das nun gut, oder ist es schlecht?“
Tja. Das war die Frage.
Jeromes nächste Geste umfasste den Raum. „Sieh her!“, kommandierte er.
Ich glotzte wieder. Vermutlich wurde das zum Dauerzustand.
„Was siehst du?“
„Blümchenkleid“, sagte ich. „Und alten Müll. Ein Wunder, das dieses Gebäude noch steht. Die Wände gehören gestrichen.“
Jerome lachte. „Stahl, mein Freund Archer. Viel Stahl. Wände aus Stahl. Sie haben gut gebaut, damals.“ Sein Blick erinnerte mich an einen Haifisch – wo war das gleich gewesen, das mit dem Haifisch? Sydney? Oder doch Kapstadt? Aber warum sah der mich so an? – „Viel Stahl. Denk an die Schule, Archer. An den guten, alten Faraday. Das war der mit dem Käfig.“
„Käfig?“
„Funkwellen“, flötete mir Blümchenkleid ins Ohr, von ganz nah. Ich spürte die Berührung ... „Mensch, du bist ja begriffsstutzig, Archer. Funkwellen. Faraday. Käfig. Klingelt es? Die können da nicht durch!
Diesmal war Blümchenkleids Berührung kurz, aber intensiv. Ich fror und schwitzte zugleich, und verstand vor alldem kein Wort. „Du bist abgekoppelt“, sagte sie mit silberheller Stimme, direkt in mein Ohr: „Dein ganzer vernetzter Schnickschnack, der VirualCortex, das Wireless Global Network, TeleCall, Remote Biosensing and Control, Ortung, Überwachung … vergiss es. Kein Funk. Kein Kontakt. Du bist jetzt ganz alleine auf dieser Welt, und niemand kann dich hören. Bist eben abgekoppelt.“ Sie hauchte mir einen Kuss zu, der sich wie zuckersüße Verlockung über meinen Horror legte.
„Hör zu, Archer. Meine Schwester hier möchte dir sagen, dass du ein völliger Idiot bist. Ich meine, da ist dieses Projekt, Hochsicherheitsstufe. Soll ich dir die Bedingungen vorlesen? Persönliche Identifikation des Programmierers. Zwei-Augen-Prinzip bis zur lückenlos kontrollierten Übergabe an den Auftraggeber, garantiert durch permanente Überwachung von Fingerabdrücken und die eincodierte DNA-Sequenz, und was weiß ich nicht noch alles.“
Blümchenkleid trat von mir zurück, aber das bekam ich kaum noch mit. Jeromes Stimme hatte einen hypnotisierenden Tonfall angenommen: „Jahrelang“, fuhr er fort: „habe ich darauf gewartet. Viele Jahre. Habe für Kerle wie dich geschuftet, Ausbeuter und Sklavenhalter, Kerle, von denen die wenige Arbeit dort oben an die vielen Schlucker hier unten verteilt wird, habe ich gebuckelt vor Kerlen, die so fürchterlich global sind, während wir hier unten brav den ganz und gar lokalen Dreck fressen … Und endlich, endlich bin ich am Ziel. Endlich hat einer von ihnen diesen Fehler gemacht.“
Er sah Blümchenkleid hinter mir an, und sein Redeschwall verrann, wie die Wut plötzlich aus seinem Gesicht wich. Als er fortfuhr, grinste er stattdessen wie ein satter, fetter Kater.
„Was tue ich jetzt nur, Archer, mein Freund? Gib mir einen Rat.“
Ich konnte nicht. Ich lag im Sterben. Ich war abgekoppelt, von allen Netzen. Wie hatte das nur passieren können? Abgekoppelt – freiwillig! Ich war mitgegangen, ich Witz von einem …
„Da gibst du mir doch glatt deine Identität, Archer. Drückst sie mir quasi in die Hand, zwingst sie mir regelrecht auf, Fingerabdrücke, Blutprobe, all den ganzen Kram – nur damit ich deine Arbeit machen kann, während sich der Herr den Bauch streicheln läßt auf Papua Neuguinea, was übrigens eine beeindrucken große Insel ist. Derweil sitze ich hier herum, dumm, arm und hungrig, wie ich bin, und frage mich: Wie soll ich diese grenzenlose Dummheit bloß ausnutzen? Verkaufe ich nun diesen Hochsicherheitscode auf dem Schwarzmarkt – was mich reich machen würde, und dich zum Knastbruder für wenigstens hundert Jahre?“
Ich sank auf dem Stuhl zusammen.
„Oder“, grinste er Blümchenkleid an, die zu ihm trat, nicht ohne sehr langsam mit ihren Fingerspitzen über meinen Arm zu streichen, „oder gibt es da nicht noch weitaus bessere Möglichkeiten? Speziell jetzt, wo unser Freund Archer hier bei uns ist? Mitten in der Höhle des Löwen?“
Er lächelte.
Blümchenkleid lächelte.
„Was meinst du, mein Herzblut?“, fuhr er bedächtig fort, als habe er mich schon vergessen: Ich aber wusste genau, was nun kommen würde. Ich wusste genau, dass dies mein Ende war. Ich erstarrte. „Wie mag es sich wohl anfühlen, die Schwester von Archer zu sein. Von Archer, dem Großmaul, das den Job hat?“

ENDE

(C) G. Roderer 2003

Donnerstag, 26. Januar 2012

Nur ein Job

Eine "vergessene" Kurzgeschichte von 2003, die ich kürzlich auf der Festplatte gefunden habe. Da gibt es eine Stelle, die fast schon visionär ist ...

Nur ein Job


© Götz Roderer 2003


Das Problem war: Jerome hatte den Job. Nein, eigentlich hatte ich den Job – Jerome war es, der arbeitete. Das Appartement gehörte mir. Ebenso die Ausbildung. Und das Zertifikat. Jerome war nicht dumm, doch ohne Zertifikat ging eben nichts, also hatte ich den Job, und Jerome hatte die Arbeit.
Wo steckte der Kerl nur?
Die billige Sonnenbrille klarte langsam auf. Hinter mir ergoss die Sonne ihr grelles, scharfes Licht in die Straßenschluchten; es war heiß und stank nach Müll und gepantschtem Benzin. Vor mir erstreckte sich eine finstere Seitengasse mit einem Himmel aus verrotteten Balkonen, marode Sonnenzellen und armdicken Leitungsbündeln, an denen sie ihre Wäsche trockneten. Vorsichtig machte ich mich auf den Weg; die Aktienkurse, behauptete das Display der Brille, wären schon wieder gefallen, irgendein Krieg in Afrika oder so, nur der Ölpreis schoss wieder einmal hoch wie eine Rakete, aber ich wischte die Anzeige beiseite, denn augenblicklich hatte ich andere Probleme.
Nummer 17d, da war es. Ich starrte die Türe an – gab es hier keine Sensipads? Keine Fingerprint-Sensoren? Ich drückte die Klingel, und irgendwo in den Tiefen des baufälligen Blocks schrillte eine Glocke.
Jerome, Jerome. Das wird ein Nachspiel haben.
Eine dicke, alte Frau öffnete die Türe. Im Schatten hinter ihr verschwand eine jüngere, blitzende Beine in einem Blümchenkleid.
„Ich bin Archer. Wo ist Jerome.“
„Jerome ist nicht hier“, erwiderte sie schleppend.
„Was heißt, er ist nicht hier? Archer. Ich bin Archer. Klingelt was? Der, von dem das Geld stammt, verdammt. Archer! Hier, diese Hand füttert euch!“
Sie blickte auf meine Hand, auf die Finger, jeden einzelnen. Im Hintergrund raschelte es.
„Jerome nicht hier. Jerome fort.“
„Verdammt, ich brauche diesen Stick! Diesen M – E – M – O – S – T – I – C – K. Du verstehen? Nein? Kleines, silbernes Ding? Nein? Ich muß Jerome sprechen, sofort! Dieser verdammte Kerl!“
Sie starrte mich an wie eine Kuh. Hörte ich da etwas aus dem Hintergrund? Es klang fast wie ein Lachen. Kurz, aber silberhell.
Jerome!“, schob ich die Alte beiseite. Wirklich, man hatte nur Ärger. Den ganzen Tag. All diese Verpflichtungen, die Termine, die Verträge, und nur Ärger, Ärger und wieder Ärger. TransDataCorp würde toben! – bestenfalls. Ein Sicherheitscode für die transkontinentale Übertragung von Firmendaten, custom-programmiert, chaotisch gegen Codeflow-Analysen geschützt, Abgabetermin – die Uhr in der Brille zeigte 13:11 Uhr. In einer knappen Stunde also. Ich schob sie auf die Stirn. Die Uhr verschwand, das Display erlosch, nur meine Nervosität tat das leider nicht. Ich meine – da gab es Ratenzahlungen zu leisten. Und ein Renommee zu verlieren. Und Jerome, diesen Stümper, war fort.
Irgendwie lavierte ich mich an der Alten vorbei, die mich mit offenem Mund anstarrte, mal ins Gesicht, dann wieder auf meine Finger, als hätte ich eben ein lustiges, kleines Zauberkunststück gezeigt. Der Schatten der jungen huschte derweil lautlos eine Treppe empor. Es war kühl hier drinnen, gedämpftes Licht, recht angenehm eigentlich, wenn die Möbel nicht alle vom Sperrmüll geklaut worden wären, und zwar wenigstens zweimal, und wenn es diesen säuerlichen Geruch nach Mensch nicht gegeben hätte. Ich wünschte mich zurück in meine eigene Welt, so nüchtern und kunstvoll, oder wenigstens zurück in mein Auto, das mir immer das beruhigende Gefühl vermittelt, ständig mit einer riesigen, unaufhaltsam vorwärtsschreitenden Welt verbunden zu sein – und nicht ein Teilnehmer an einer Expedition in die Vergangenheit, dem die Rückfahrkarte abhanden gekommen ist. Ich meine – hier gab es Glühbirnen! Wenn sie nicht kaputt waren, würden sie wohl auch noch leuchten!
Unten gab es nur diesen einen Raum. Er musste also oben stecken. Ich lugte die Treppe hinauf. „Jerome? JEROME?“ Hoffentlich schwitzte er vor Angst.
Ein paar dunkle Augen sahen mir entgegen. Da lächelte jemand. Es konnte nicht Jerome sein, denn der trug nun wirklich keine Blümchenkleider. Niemand trug heutzutage Blümchenkleider.
„Er ist nicht da. Jerome. Er ist gegangen.“ Die Alte hatte sich endlich erholt. „Nicht da. Bitte geh. Archer.“
Ich knarzte die Treppe hinauf. Sie beschrieb einen viertel Wendung und endete in einem großen, fast leeren Zimmer – zwei Türen führten in weitere Räume. In der Mitte stand ein transportabler Wäscheständer, an dem Strümpfe und weibliche Unterwäsche hingen, und dann gab es da noch diesen Tisch, unter dem einzigen Fenster, so ein billiges Klappding aus billigem Rohr und billigem Press-Spahn. Zu meiner Verblüffung stand darauf ein ziemlich teuerer Rechner, vorletzte Mode, ein Drucker, ein Scanner. Kabel bildeten einen wirren Haufen und rangen mit Datenträgern, Sticks und Bergen von Papier um eine ökologische Nische. Über die Tastatur gebeugt saß die junge Frau, blitzte mich über die Schulter hinweg an und schob mit einer Hüftbewegung ihren Stuhl zurecht, während ihre Finger über die Tastatur rasten und sie leise in ein Mikro flüsterte.
„Jerome. Wo ist er. Ich habe es eilig.“
Sie tippte ein letztes Wort, traf sehr selbstbewusst die Enter-Taste, und drehte sich dann auf ihrem Bürostuhl zu mir um, die Beine übereinandergeschlagen.
„Wie meine Mutter schon sagte, er ist nicht hier.“
„Was heißt nicht hier? Natürlich ist er hier. Er muß hier sein – da steht sein Computer, seine Ausrüstung! Irgendwo da drinnen stecken MEINE DATEN …“ Ich mußte mich beruhigen. Langsam, altes Haus. Schöne Augen hatte sie. „Meine Daten. Ich benötige diesen Stick. Sonst gibt es Ärger, und keine Aufträge mehr von mir. Geh‘ und sag ihm das.“
Ihr Blick war nun sehr belustigt. Sie drehte sich einmal im Kreis, und sah mich dann an, wie man ein kleines, verzogenes Kind ansieht, das zu dumm ist, um auch nur zu ahnen, was es alles nicht weiß.
„Jerome“, sagte sie dann langsam, „lebt schon seit einem Jahr nicht mehr hier. Manchmal kommt er uns besuchen“, fügte sie hinzu, nachdem sie mein fassungsloses Minenspiel ausgekostet hatte: „Ist ausgezogen. Wollte nicht bei Mama und Schwester versauern. Männer sind so.“
Ich schnappte innerlich nach Luft.
„Und er schickt Arbeit. Für mich.“ Eine leichte Geste umfaßte den Tisch. „Ich arbeite für ihn. Er arbeitet für sie, Archer. Archer mit dem Job. Dem einen Job. Nett, sie kennenzulernen, Archer …“ Sie lächelte mich an, doch ehe dieses Lächeln seinen Beitrag zu meiner zugegebenermaßen beträchtlichen Verwirrung entfalten konnte, kühlte ihr Gesichtsausdruck auch schon wieder ab, bis aus Belustigung Ernst wurde, und ich irgendwie Geldscheine rieseln hörte konnte. Natürlich gab es die  nicht mehr. Mein Opa hatte Geldscheine gehabt. Sie jedem zugesteckt. Aber wie auch immer, jedenfalls ging es jetzt ums Geld.
„Archer“, benetzte sie sich die Lippen mit der Zungenspitze. „Mal sehen. Ah, ja. TransDataCorp. Hochrangsicherung. Abgabetermin heute. Sie haben übrigens den Weltbank-Auftrag von letztem Monat noch nicht bezahlt. Jerome ist wirklich ein verdammter Schlamper. Er hat den Stick letzte Woche abgeholt. Codeklasse 1, wie gewünscht. Ganz offiziell von ihnen selbst entwickelt. Strenges zwei-Augen-Prinzip. Genetische Sicherung, nach ihrem Genom. Alles getestet und validiert. Macht 250 Credits.“
Sie drehte sich wieder zu mir um. Ich habe sie wohl angestarrt wie ein Mondkalb, denn plötzlich begann sie wieder zu lächeln. „Wenn sie den Stick wollen, müssen sie zu Jerome. Ich, ich mache hier nur die Arbeit.“

Ich stolperte die Treppe hinab wie ein Schlafwandler. So war das also. Das Konzept des persönlichen Outsourcings nahm wirklich groteske Züge an: Archer an der Spitze der Pyramide, gebildet, mit Zertifikat versehen, Besitzer eines wirklich schicken Appartements und eines Autos, das selbst für ihn als teuer galt. Archer mit den sinnlosen Problemen: Wohin nur in den Urlaub fliegen? Ach, was soll die Frage – suborbital dauert die Reise sowieso nur eine Stunde. Da kann man sich doch ganz spontan entscheiden …
Und dann war da Jerome. Die Jeans immer etwas verschlissen, schlau, aber arm. Kein Zertifikat. Clever, also gab es Arbeit für ihn, von Archer, der mit dem Ruf, ein freischaffender Super-Programmierer zu sein, weiter an Jerome, und zwar steuerfrei.
Und von dort, wie ich heute gelernt hatte, weiter zu Blümchenkleid. Das waren dann die Fische, die ganz unten lebten, von dem, was zu Boden sank, zwischen Müll und alten Solarpaneelen und verwilderten Katzen.
Ich erreichte die Türe. Es war heiß, so ganz ohne Klimaanlage. Außerdem bekam ich es allmählich mit der Angst zu tun. Blümchenkleid wich nicht nur nicht von meiner Seite, nein, ihre Finger legten sich sanft, aber nachdrücklich um meinen Oberarm und dirigierten mich auf die Straße. und dort, als wäre ich eine Handpuppe, tiefer in ein Gewirr schmaler Gässchen. „Ich glaube sie heißt Ellie“, sagte sie dabei im Plauderton.
 Mir stand der Schweiß schon bis zum Hals. „Ellie. Noch so eine Schwester, die für ihn arbeitet?“
„Keine Schwester.“ Sie rieb sich mit der Freien Hand missmutig den Nasenrücken. „Ein Flittchen. Aber sie ist ganz nett, für Jeromes Verhältnisse. Vielleicht ist er bei ihr, vielleicht auch nicht. Aber Ellie könnte wissen, wo er steckt.“ Ihre Finger lenkten mich weiter. Ein alter Mann betrachtete uns, zuckte innerlich mit der Schulter, immer nur einen winzigen Schluck vom Vergessen entfernt. Licht und Schatten behandelten einander wie Erzfeinde, die Reviere säuberlich getrennt, und in den Schatten hausten die Ratten.
„Was tut Ellie denn so?“
„Ellie kauft und verkauft. Alles, was sie wollen.“
Ich sah der Begegnung wirklich gespannt entgegen. Inzwischen waren wir tief in einem Stadtviertel gestrandet, von dessen Existenz ich – und wohl auch so gut wie jeder sonst – noch nie etwas gehört hatte. Die Straßen waren eng, die Autos alt, es roch nach Abgasen. Ohne NaviSys wäre ich vollkommen verloren gewesen, sollte Blümchenkleid plötzlich beschließen, dass ich zu langweilig sei, um ihre Zeit an mich zu verschwenden.
Drei Wendungen des Schicksals später standen wir vor einer Türe. Blümchenkleid klingelte.
„Oh, wir haben Glück. Da kommt sie!“
Was hatte ich erwartet? Ellie trug kein Blümchenkleid. Für so eine schäbige Ecke wirkte Ellie sogar recht adrett, und Blümchenkleid rieb sich wieder die Nase und eröffnete den verbaler Eröffnungstanz zwischen den beiden Frauen. Die Zeit zerrann wie Butter in der Hitze, bis sich Ellie endlich dazu herabließ, auch meine Existenz zur Kenntnis zu nehmen. „Dein Name ist also Archer, eh? Jerome hat von Dir erzählt. Du arbeitest als freier, nicht wahr, und das ziemlich erfolgreich?“
„Ja“, sagte ich.
„Jerome hat mir von einem Projekt erzählt. Für TransData. Großer Fisch, nicht wahr? 1000 für Jerome, sagte er. Frage mich, sagte ich, wie viel Du dabei verdienst. Er wusste es natürlich nicht.“
Ich bemerkte, dass Blümchenkleid zu kichern begonnen hatte. „Nicht genug um mir hier die Füße in den Bauch zu stehen. Wo ist Jerome? Ich will ihn sprechen! Jetzt sofort!“
Die beiden Frauen starrten mich an.
„Ich dachte, es sei klar“, sagte Ellie; Ärger straffte ihre Gestalt. „Dieser Nichtsnutz ist abgehauen! Abgehauen! Wegen einer Anderen, der verdammte Mistkerl. Einer Blonden! Aber was“, tat sie es ab, indem sie die Hand heftig schüttelte, wie um ein klebriges Stück Dreck los zu werden, „interessiert mich noch Jerome? Oder“ – jetzt traf mich ihr Blick wie ein Dolch aus glühendem Eis – „oder Archer, der Ausbeuter? Was interessiert mich das alles? Verschwindet. Sucht meinetwegen unten im alten Werk nach ihm, aber lasst mich in Ruhe!“
Sie rauschte davon wie eine ganze Kohorte von Racheengeln, die man in eine Person gestopft hatte.
Ich schwitzte nun wirklich heftig. Blümchenkleid tätschelte meinen Arm. „Nimm’s nicht so schwer, Archer. Wir werden ihn schon noch finden.“
13:31 Uhr. Ja, ich hoffte, das würden wir tun.
Sie zog mich zurück auf die Straße. Unten in Richtung Hafen gab es noch ältere und noch schäbigere Gebäude, wer hätte das für möglich gehalten.
Ich trottete mit ihr.
„Wie heißt Du eigentlich?“
„Ist das wichtig, Archer?“

To be continued ...