Donnerstag, 26. Januar 2012

Nur ein Job

Eine "vergessene" Kurzgeschichte von 2003, die ich kürzlich auf der Festplatte gefunden habe. Da gibt es eine Stelle, die fast schon visionär ist ...

Nur ein Job


© Götz Roderer 2003


Das Problem war: Jerome hatte den Job. Nein, eigentlich hatte ich den Job – Jerome war es, der arbeitete. Das Appartement gehörte mir. Ebenso die Ausbildung. Und das Zertifikat. Jerome war nicht dumm, doch ohne Zertifikat ging eben nichts, also hatte ich den Job, und Jerome hatte die Arbeit.
Wo steckte der Kerl nur?
Die billige Sonnenbrille klarte langsam auf. Hinter mir ergoss die Sonne ihr grelles, scharfes Licht in die Straßenschluchten; es war heiß und stank nach Müll und gepantschtem Benzin. Vor mir erstreckte sich eine finstere Seitengasse mit einem Himmel aus verrotteten Balkonen, marode Sonnenzellen und armdicken Leitungsbündeln, an denen sie ihre Wäsche trockneten. Vorsichtig machte ich mich auf den Weg; die Aktienkurse, behauptete das Display der Brille, wären schon wieder gefallen, irgendein Krieg in Afrika oder so, nur der Ölpreis schoss wieder einmal hoch wie eine Rakete, aber ich wischte die Anzeige beiseite, denn augenblicklich hatte ich andere Probleme.
Nummer 17d, da war es. Ich starrte die Türe an – gab es hier keine Sensipads? Keine Fingerprint-Sensoren? Ich drückte die Klingel, und irgendwo in den Tiefen des baufälligen Blocks schrillte eine Glocke.
Jerome, Jerome. Das wird ein Nachspiel haben.
Eine dicke, alte Frau öffnete die Türe. Im Schatten hinter ihr verschwand eine jüngere, blitzende Beine in einem Blümchenkleid.
„Ich bin Archer. Wo ist Jerome.“
„Jerome ist nicht hier“, erwiderte sie schleppend.
„Was heißt, er ist nicht hier? Archer. Ich bin Archer. Klingelt was? Der, von dem das Geld stammt, verdammt. Archer! Hier, diese Hand füttert euch!“
Sie blickte auf meine Hand, auf die Finger, jeden einzelnen. Im Hintergrund raschelte es.
„Jerome nicht hier. Jerome fort.“
„Verdammt, ich brauche diesen Stick! Diesen M – E – M – O – S – T – I – C – K. Du verstehen? Nein? Kleines, silbernes Ding? Nein? Ich muß Jerome sprechen, sofort! Dieser verdammte Kerl!“
Sie starrte mich an wie eine Kuh. Hörte ich da etwas aus dem Hintergrund? Es klang fast wie ein Lachen. Kurz, aber silberhell.
Jerome!“, schob ich die Alte beiseite. Wirklich, man hatte nur Ärger. Den ganzen Tag. All diese Verpflichtungen, die Termine, die Verträge, und nur Ärger, Ärger und wieder Ärger. TransDataCorp würde toben! – bestenfalls. Ein Sicherheitscode für die transkontinentale Übertragung von Firmendaten, custom-programmiert, chaotisch gegen Codeflow-Analysen geschützt, Abgabetermin – die Uhr in der Brille zeigte 13:11 Uhr. In einer knappen Stunde also. Ich schob sie auf die Stirn. Die Uhr verschwand, das Display erlosch, nur meine Nervosität tat das leider nicht. Ich meine – da gab es Ratenzahlungen zu leisten. Und ein Renommee zu verlieren. Und Jerome, diesen Stümper, war fort.
Irgendwie lavierte ich mich an der Alten vorbei, die mich mit offenem Mund anstarrte, mal ins Gesicht, dann wieder auf meine Finger, als hätte ich eben ein lustiges, kleines Zauberkunststück gezeigt. Der Schatten der jungen huschte derweil lautlos eine Treppe empor. Es war kühl hier drinnen, gedämpftes Licht, recht angenehm eigentlich, wenn die Möbel nicht alle vom Sperrmüll geklaut worden wären, und zwar wenigstens zweimal, und wenn es diesen säuerlichen Geruch nach Mensch nicht gegeben hätte. Ich wünschte mich zurück in meine eigene Welt, so nüchtern und kunstvoll, oder wenigstens zurück in mein Auto, das mir immer das beruhigende Gefühl vermittelt, ständig mit einer riesigen, unaufhaltsam vorwärtsschreitenden Welt verbunden zu sein – und nicht ein Teilnehmer an einer Expedition in die Vergangenheit, dem die Rückfahrkarte abhanden gekommen ist. Ich meine – hier gab es Glühbirnen! Wenn sie nicht kaputt waren, würden sie wohl auch noch leuchten!
Unten gab es nur diesen einen Raum. Er musste also oben stecken. Ich lugte die Treppe hinauf. „Jerome? JEROME?“ Hoffentlich schwitzte er vor Angst.
Ein paar dunkle Augen sahen mir entgegen. Da lächelte jemand. Es konnte nicht Jerome sein, denn der trug nun wirklich keine Blümchenkleider. Niemand trug heutzutage Blümchenkleider.
„Er ist nicht da. Jerome. Er ist gegangen.“ Die Alte hatte sich endlich erholt. „Nicht da. Bitte geh. Archer.“
Ich knarzte die Treppe hinauf. Sie beschrieb einen viertel Wendung und endete in einem großen, fast leeren Zimmer – zwei Türen führten in weitere Räume. In der Mitte stand ein transportabler Wäscheständer, an dem Strümpfe und weibliche Unterwäsche hingen, und dann gab es da noch diesen Tisch, unter dem einzigen Fenster, so ein billiges Klappding aus billigem Rohr und billigem Press-Spahn. Zu meiner Verblüffung stand darauf ein ziemlich teuerer Rechner, vorletzte Mode, ein Drucker, ein Scanner. Kabel bildeten einen wirren Haufen und rangen mit Datenträgern, Sticks und Bergen von Papier um eine ökologische Nische. Über die Tastatur gebeugt saß die junge Frau, blitzte mich über die Schulter hinweg an und schob mit einer Hüftbewegung ihren Stuhl zurecht, während ihre Finger über die Tastatur rasten und sie leise in ein Mikro flüsterte.
„Jerome. Wo ist er. Ich habe es eilig.“
Sie tippte ein letztes Wort, traf sehr selbstbewusst die Enter-Taste, und drehte sich dann auf ihrem Bürostuhl zu mir um, die Beine übereinandergeschlagen.
„Wie meine Mutter schon sagte, er ist nicht hier.“
„Was heißt nicht hier? Natürlich ist er hier. Er muß hier sein – da steht sein Computer, seine Ausrüstung! Irgendwo da drinnen stecken MEINE DATEN …“ Ich mußte mich beruhigen. Langsam, altes Haus. Schöne Augen hatte sie. „Meine Daten. Ich benötige diesen Stick. Sonst gibt es Ärger, und keine Aufträge mehr von mir. Geh‘ und sag ihm das.“
Ihr Blick war nun sehr belustigt. Sie drehte sich einmal im Kreis, und sah mich dann an, wie man ein kleines, verzogenes Kind ansieht, das zu dumm ist, um auch nur zu ahnen, was es alles nicht weiß.
„Jerome“, sagte sie dann langsam, „lebt schon seit einem Jahr nicht mehr hier. Manchmal kommt er uns besuchen“, fügte sie hinzu, nachdem sie mein fassungsloses Minenspiel ausgekostet hatte: „Ist ausgezogen. Wollte nicht bei Mama und Schwester versauern. Männer sind so.“
Ich schnappte innerlich nach Luft.
„Und er schickt Arbeit. Für mich.“ Eine leichte Geste umfaßte den Tisch. „Ich arbeite für ihn. Er arbeitet für sie, Archer. Archer mit dem Job. Dem einen Job. Nett, sie kennenzulernen, Archer …“ Sie lächelte mich an, doch ehe dieses Lächeln seinen Beitrag zu meiner zugegebenermaßen beträchtlichen Verwirrung entfalten konnte, kühlte ihr Gesichtsausdruck auch schon wieder ab, bis aus Belustigung Ernst wurde, und ich irgendwie Geldscheine rieseln hörte konnte. Natürlich gab es die  nicht mehr. Mein Opa hatte Geldscheine gehabt. Sie jedem zugesteckt. Aber wie auch immer, jedenfalls ging es jetzt ums Geld.
„Archer“, benetzte sie sich die Lippen mit der Zungenspitze. „Mal sehen. Ah, ja. TransDataCorp. Hochrangsicherung. Abgabetermin heute. Sie haben übrigens den Weltbank-Auftrag von letztem Monat noch nicht bezahlt. Jerome ist wirklich ein verdammter Schlamper. Er hat den Stick letzte Woche abgeholt. Codeklasse 1, wie gewünscht. Ganz offiziell von ihnen selbst entwickelt. Strenges zwei-Augen-Prinzip. Genetische Sicherung, nach ihrem Genom. Alles getestet und validiert. Macht 250 Credits.“
Sie drehte sich wieder zu mir um. Ich habe sie wohl angestarrt wie ein Mondkalb, denn plötzlich begann sie wieder zu lächeln. „Wenn sie den Stick wollen, müssen sie zu Jerome. Ich, ich mache hier nur die Arbeit.“

Ich stolperte die Treppe hinab wie ein Schlafwandler. So war das also. Das Konzept des persönlichen Outsourcings nahm wirklich groteske Züge an: Archer an der Spitze der Pyramide, gebildet, mit Zertifikat versehen, Besitzer eines wirklich schicken Appartements und eines Autos, das selbst für ihn als teuer galt. Archer mit den sinnlosen Problemen: Wohin nur in den Urlaub fliegen? Ach, was soll die Frage – suborbital dauert die Reise sowieso nur eine Stunde. Da kann man sich doch ganz spontan entscheiden …
Und dann war da Jerome. Die Jeans immer etwas verschlissen, schlau, aber arm. Kein Zertifikat. Clever, also gab es Arbeit für ihn, von Archer, der mit dem Ruf, ein freischaffender Super-Programmierer zu sein, weiter an Jerome, und zwar steuerfrei.
Und von dort, wie ich heute gelernt hatte, weiter zu Blümchenkleid. Das waren dann die Fische, die ganz unten lebten, von dem, was zu Boden sank, zwischen Müll und alten Solarpaneelen und verwilderten Katzen.
Ich erreichte die Türe. Es war heiß, so ganz ohne Klimaanlage. Außerdem bekam ich es allmählich mit der Angst zu tun. Blümchenkleid wich nicht nur nicht von meiner Seite, nein, ihre Finger legten sich sanft, aber nachdrücklich um meinen Oberarm und dirigierten mich auf die Straße. und dort, als wäre ich eine Handpuppe, tiefer in ein Gewirr schmaler Gässchen. „Ich glaube sie heißt Ellie“, sagte sie dabei im Plauderton.
 Mir stand der Schweiß schon bis zum Hals. „Ellie. Noch so eine Schwester, die für ihn arbeitet?“
„Keine Schwester.“ Sie rieb sich mit der Freien Hand missmutig den Nasenrücken. „Ein Flittchen. Aber sie ist ganz nett, für Jeromes Verhältnisse. Vielleicht ist er bei ihr, vielleicht auch nicht. Aber Ellie könnte wissen, wo er steckt.“ Ihre Finger lenkten mich weiter. Ein alter Mann betrachtete uns, zuckte innerlich mit der Schulter, immer nur einen winzigen Schluck vom Vergessen entfernt. Licht und Schatten behandelten einander wie Erzfeinde, die Reviere säuberlich getrennt, und in den Schatten hausten die Ratten.
„Was tut Ellie denn so?“
„Ellie kauft und verkauft. Alles, was sie wollen.“
Ich sah der Begegnung wirklich gespannt entgegen. Inzwischen waren wir tief in einem Stadtviertel gestrandet, von dessen Existenz ich – und wohl auch so gut wie jeder sonst – noch nie etwas gehört hatte. Die Straßen waren eng, die Autos alt, es roch nach Abgasen. Ohne NaviSys wäre ich vollkommen verloren gewesen, sollte Blümchenkleid plötzlich beschließen, dass ich zu langweilig sei, um ihre Zeit an mich zu verschwenden.
Drei Wendungen des Schicksals später standen wir vor einer Türe. Blümchenkleid klingelte.
„Oh, wir haben Glück. Da kommt sie!“
Was hatte ich erwartet? Ellie trug kein Blümchenkleid. Für so eine schäbige Ecke wirkte Ellie sogar recht adrett, und Blümchenkleid rieb sich wieder die Nase und eröffnete den verbaler Eröffnungstanz zwischen den beiden Frauen. Die Zeit zerrann wie Butter in der Hitze, bis sich Ellie endlich dazu herabließ, auch meine Existenz zur Kenntnis zu nehmen. „Dein Name ist also Archer, eh? Jerome hat von Dir erzählt. Du arbeitest als freier, nicht wahr, und das ziemlich erfolgreich?“
„Ja“, sagte ich.
„Jerome hat mir von einem Projekt erzählt. Für TransData. Großer Fisch, nicht wahr? 1000 für Jerome, sagte er. Frage mich, sagte ich, wie viel Du dabei verdienst. Er wusste es natürlich nicht.“
Ich bemerkte, dass Blümchenkleid zu kichern begonnen hatte. „Nicht genug um mir hier die Füße in den Bauch zu stehen. Wo ist Jerome? Ich will ihn sprechen! Jetzt sofort!“
Die beiden Frauen starrten mich an.
„Ich dachte, es sei klar“, sagte Ellie; Ärger straffte ihre Gestalt. „Dieser Nichtsnutz ist abgehauen! Abgehauen! Wegen einer Anderen, der verdammte Mistkerl. Einer Blonden! Aber was“, tat sie es ab, indem sie die Hand heftig schüttelte, wie um ein klebriges Stück Dreck los zu werden, „interessiert mich noch Jerome? Oder“ – jetzt traf mich ihr Blick wie ein Dolch aus glühendem Eis – „oder Archer, der Ausbeuter? Was interessiert mich das alles? Verschwindet. Sucht meinetwegen unten im alten Werk nach ihm, aber lasst mich in Ruhe!“
Sie rauschte davon wie eine ganze Kohorte von Racheengeln, die man in eine Person gestopft hatte.
Ich schwitzte nun wirklich heftig. Blümchenkleid tätschelte meinen Arm. „Nimm’s nicht so schwer, Archer. Wir werden ihn schon noch finden.“
13:31 Uhr. Ja, ich hoffte, das würden wir tun.
Sie zog mich zurück auf die Straße. Unten in Richtung Hafen gab es noch ältere und noch schäbigere Gebäude, wer hätte das für möglich gehalten.
Ich trottete mit ihr.
„Wie heißt Du eigentlich?“
„Ist das wichtig, Archer?“

To be continued ...

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