Freitag, 27. Januar 2012

Nur ein Job (Teil 2)

Und weiter geht's ... Hier der Link zu Teil 1

Diesmal benutzten wir sogar eine Feuerleiter. Im fünften Stock angekommen, hatte ich meine Höhenangst überwunden. Einen anderen Weg gab es nicht; die Türen weiter unten waren ausnahmslos alle verrammelt und vernagelt. Eine Katze hüpfte davon, über das Netzwerk aus stählernen Treppen und Armierungen, die  bröckelnde Backsteine am Einstürzen hinderten. Das Angenehmste an dem ganzen Unternehmen war noch die Gegenwart von Blümchenkleid, und die Aussicht, endlich diesen Stick in Händen zu halten, der sich binnen Stundenfrist in einen ansehnlichen Batzen Geld verwandeln würde, was meine Existenz sichern würde, und meinetwegen noch die einer ganzen Hundertschaft stiller Teilhaber in jedwedem Gewande.
„Da sind wir.“ Sie stieß eine Türe auf. Sie bestand aus Stahl; ihre Ecken waren mit Klemmvorrichtungen versehen, also war das ziemlich eindeutig eine Feuertüre aus dem letzten Jahrhundert. Na ja, man mußte alles einmal mit eigenen Augen gesehen haben.
Innen war es reichlich dunkel und ziemlich kühl. Ich fror sogar ein wenig. Wir gingen ein Stück, bis zu einem Raum mit großen, gläsernen Oberlichtern, die am dichten Befall mit Moos und Dreck erblindet waren. Blümchenkleid schien diesen Ort zu kennen, worüber ich wirklich froh war, denn wieder trottete ich durch ein stinkendes Labyrinth, das auch noch immer dunkler wurde, bis ein schwacher Lichtschein mein Herz erleichterte; wieder eine Stahltüre, aber sie stand ein Stück offen, und Blümchenkleid huschte hindurch. „Ah, Jerome!“, hörte ich sie sagen.
Jerome saß an einem großen Tisch voller Technik. Eine ziemliche Investition, denn alles war vom Feinsten. Anscheinend bezahle ich Jerome zu viel.
„Jerome, du Mistkerl“, sagte ich in einem müden Abklatsch von Ellies Zorn. „Es ist FAST ZWEI! Wo ist mein STICK?“
Jerome drehte sich von der Tastatur zu mir herum und rieb sich die Nase. Das Licht einer einzelnen Lampe fiel auf seine Brille und eine OneEye Zwo-15, das sich an seine linke Gesichtshälfte schmiegte wie ein Samthandschuh. Wirklich, ich zahle ihm ganz entschieden zu viel.
„Archer. Mein alter Freund und Vertragspartner!“
„Jerome, du unzuverlässiger Nichtsnutz!“
„Setz dich, Archer.“ Aus dem Halbdunkel rollte mir ein Stuhl entgegen. Blümchenkleid kicherte, an eine stählerne Säule gelehnt, die entweder dem Alptraum besoffener Designstudenten entsprungen war, oder einem alten Film.
Na gut, dann eben im Sitzen.
„Jerome. Es ist fast zwei. Wo ist mein Stick? Entschuldige die Weltbank-Geschichte. Dein Geld kommt morgen, versprochen. Ich war auf Papua. Das ist eine kleine Insel.“
„War es nett dort, auf Papua?“
„Geht so. Hör‘ mal. Laß uns über den Preis reden, okay? Bist du unzufrieden? Ich meine – eine Zwo-15. Wer kann sich das schon leisten? Aber wenn du unbedingt darauf bestehst, erhöhe ich …“
„Na ich kann mir das leisten, Archer. Mein Freund.“
Ich glaube, ich habe ihn angeglotzt. Er gab mir ein paar Sekunden Zeit, dann sagte er: „Hörst du mich, Archer? Ich kann es mir leisten. Verstehst du?“
Ich fühlte mich ein wenig verloren in diesem Moment. Was sollte das heißen? Blümchenkleid hörte auf zu kichern. Sie stand hinter mir, was ein angenehmes Gefühl war; irgendwie verband sie mich mit einer Welt, die ich noch verstehen konnte.
„Also, ja, ich glaube schon.“ Meine Kehle war ein wenig trocken. „Es ist also nicht der Preis. Aber was ist dann das Problem? Und wo ist mein Stick?“
„Es ist nicht der Preis.“ Er drehte sich herum auf seinem Stuhl, einmal im Kreis, und blickte mir dann lächelnd ins Gesicht: „Siehst du, Archer, du bist ein mieser Ausbeuter. Ein Schwein wie aus dem Bilderbuch. Aber eben ein Schwein mit Zertifikat. Darum bekommst du die Aufträge, und nur du. Aber da du ja bekanntlich zwar faul, aber nicht blöd bist, hängst du dich an die gleiche Masche wie all die anderen faulen, aber nicht blöden Schweine. Es weiß doch einfach jeder: Millionen von uns leben so lange von der Hand in den Mund, bis sie keinen Finger mehr finden, aber deswegen sind sie noch lange nicht dumm. Aber man braucht ein Zertifikat, und für ein Zertifikat bracht man Geld und die passenden Verbindungen ... Und ach ja, bevor ich es vergesse: auch noch das richtige Geschlecht, die richtige Hautfarbe, und wenn es geht, noch die passende Religion. Ohne Zertifikat läuft nichts.“
Mein Hirn sprang an, endlich: „Du möchtest also ein … Zertifikat?“ Wie bekam man ein Zertifikat? Es würde den Konkurrenzdruck erhöhen, ganz sicher, außerdem war es so illegal wie die Sprengung des Parlaments … Ein Zertifikat. „Ein Zertifikat. Warte. Da gibt es …“
Blümchenkleid kicherte im Hintergrund. Auch Jerome wirkte belustigt.
„ … Möglichkeiten.“
Er gab mir erneut die Zeit, auf den Nachhall meiner eigenen Worte zu lauschen. „Nein, Archer, du ausbeuterischer Hund … Nein.“ Er seufzte. „Bist wohl doch nicht so intelligent, wie ich angenommen hatte.“ Und an Blümchenkleid gerichtet: „Ist das nun gut, oder ist es schlecht?“
Tja. Das war die Frage.
Jeromes nächste Geste umfasste den Raum. „Sieh her!“, kommandierte er.
Ich glotzte wieder. Vermutlich wurde das zum Dauerzustand.
„Was siehst du?“
„Blümchenkleid“, sagte ich. „Und alten Müll. Ein Wunder, das dieses Gebäude noch steht. Die Wände gehören gestrichen.“
Jerome lachte. „Stahl, mein Freund Archer. Viel Stahl. Wände aus Stahl. Sie haben gut gebaut, damals.“ Sein Blick erinnerte mich an einen Haifisch – wo war das gleich gewesen, das mit dem Haifisch? Sydney? Oder doch Kapstadt? Aber warum sah der mich so an? – „Viel Stahl. Denk an die Schule, Archer. An den guten, alten Faraday. Das war der mit dem Käfig.“
„Käfig?“
„Funkwellen“, flötete mir Blümchenkleid ins Ohr, von ganz nah. Ich spürte die Berührung ... „Mensch, du bist ja begriffsstutzig, Archer. Funkwellen. Faraday. Käfig. Klingelt es? Die können da nicht durch!
Diesmal war Blümchenkleids Berührung kurz, aber intensiv. Ich fror und schwitzte zugleich, und verstand vor alldem kein Wort. „Du bist abgekoppelt“, sagte sie mit silberheller Stimme, direkt in mein Ohr: „Dein ganzer vernetzter Schnickschnack, der VirualCortex, das Wireless Global Network, TeleCall, Remote Biosensing and Control, Ortung, Überwachung … vergiss es. Kein Funk. Kein Kontakt. Du bist jetzt ganz alleine auf dieser Welt, und niemand kann dich hören. Bist eben abgekoppelt.“ Sie hauchte mir einen Kuss zu, der sich wie zuckersüße Verlockung über meinen Horror legte.
„Hör zu, Archer. Meine Schwester hier möchte dir sagen, dass du ein völliger Idiot bist. Ich meine, da ist dieses Projekt, Hochsicherheitsstufe. Soll ich dir die Bedingungen vorlesen? Persönliche Identifikation des Programmierers. Zwei-Augen-Prinzip bis zur lückenlos kontrollierten Übergabe an den Auftraggeber, garantiert durch permanente Überwachung von Fingerabdrücken und die eincodierte DNA-Sequenz, und was weiß ich nicht noch alles.“
Blümchenkleid trat von mir zurück, aber das bekam ich kaum noch mit. Jeromes Stimme hatte einen hypnotisierenden Tonfall angenommen: „Jahrelang“, fuhr er fort: „habe ich darauf gewartet. Viele Jahre. Habe für Kerle wie dich geschuftet, Ausbeuter und Sklavenhalter, Kerle, von denen die wenige Arbeit dort oben an die vielen Schlucker hier unten verteilt wird, habe ich gebuckelt vor Kerlen, die so fürchterlich global sind, während wir hier unten brav den ganz und gar lokalen Dreck fressen … Und endlich, endlich bin ich am Ziel. Endlich hat einer von ihnen diesen Fehler gemacht.“
Er sah Blümchenkleid hinter mir an, und sein Redeschwall verrann, wie die Wut plötzlich aus seinem Gesicht wich. Als er fortfuhr, grinste er stattdessen wie ein satter, fetter Kater.
„Was tue ich jetzt nur, Archer, mein Freund? Gib mir einen Rat.“
Ich konnte nicht. Ich lag im Sterben. Ich war abgekoppelt, von allen Netzen. Wie hatte das nur passieren können? Abgekoppelt – freiwillig! Ich war mitgegangen, ich Witz von einem …
„Da gibst du mir doch glatt deine Identität, Archer. Drückst sie mir quasi in die Hand, zwingst sie mir regelrecht auf, Fingerabdrücke, Blutprobe, all den ganzen Kram – nur damit ich deine Arbeit machen kann, während sich der Herr den Bauch streicheln läßt auf Papua Neuguinea, was übrigens eine beeindrucken große Insel ist. Derweil sitze ich hier herum, dumm, arm und hungrig, wie ich bin, und frage mich: Wie soll ich diese grenzenlose Dummheit bloß ausnutzen? Verkaufe ich nun diesen Hochsicherheitscode auf dem Schwarzmarkt – was mich reich machen würde, und dich zum Knastbruder für wenigstens hundert Jahre?“
Ich sank auf dem Stuhl zusammen.
„Oder“, grinste er Blümchenkleid an, die zu ihm trat, nicht ohne sehr langsam mit ihren Fingerspitzen über meinen Arm zu streichen, „oder gibt es da nicht noch weitaus bessere Möglichkeiten? Speziell jetzt, wo unser Freund Archer hier bei uns ist? Mitten in der Höhle des Löwen?“
Er lächelte.
Blümchenkleid lächelte.
„Was meinst du, mein Herzblut?“, fuhr er bedächtig fort, als habe er mich schon vergessen: Ich aber wusste genau, was nun kommen würde. Ich wusste genau, dass dies mein Ende war. Ich erstarrte. „Wie mag es sich wohl anfühlen, die Schwester von Archer zu sein. Von Archer, dem Großmaul, das den Job hat?“

ENDE

(C) G. Roderer 2003

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