Dienstag, 24. April 2012

Verrücktes Zeugs der Gegenwart Teil 14: SF und Realität

Derzeit lese ich abends den Roman "Leviathan erwacht" von James S. A. Corey, der bis jetzt ganz unterhaltsam ausfällt, an sich aber einen typische "Menschen leben in den Asteroiden"-Hintergrund präsentiert, wie ihn Larry Niven (und natürlich auch andere) schon lange ausgearbeitet haben. Coreys "Gürtler" (bei Niven beliess man es bei dem englischen "Belter") bewohnen ausgehölte Asteroiden wie Ceres, fliegen mit Fusionsantrieben herum und verdienen ihr Geld damit, in treibenden Gesteinsbrocken nach Edelmetallen zu schürfen (Helium-3, seit Schätzigs Roman "Limit" deutlich mehr Menschen ein Begriff, tauchte jedoch noch nicht auf). An sich nichts Aufregendes, aber flüssig zu lesen, logisch, und ohne gravierenden Verstöße gegen die bekannte Physik.

Spannender wird die Sache jedoch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass seit "praktisch heute" eine Firma existiert, die sich einem Ziel verschrieben hat, dass die Phantasie eines Hern Corey - oder Niven, Baxter, Reynolds, und wie sie alle heißen - Wirklichkeit werden lassen könnte. Planetary Resources tritt mit dem Ziel an, die Schätze treibender Asteroiden zu erschließen und dem Begriff der "natürlichen Ressource" neu zu definieren. Da wartet alle Welt auf den für den 30. April geplanten Start von SpaceX zur ISS, da betritt völlig unerwartet ein ganz neuer Spieler die Arena.

Der Plan von Planetary Resources besteht darin, Asteroiden einzufangen und in einen geeigneten Orbit um die Erde zu verfrachten, wo dann verschiedenste Rohstoffe extrahiert werden sollen - Platin, zum Beispiel. Viele der Substanzen, auf die man es abgesehen hat, existieren nur deshalb auf der Erde, weil sie einmal in Form eines Meteroiten abgestürzt sind. Andere, wie Wassereis, könnten in Verbindung mit Solarenergie eine sehr wertvolle Quelle für Treibstoff werden, ein knappes Gut im All, und aufgrund der hohen Transportkosten in eine Erdumlaufbahn ein limitierender Faktor der Erkundung und Erschließung des Weltalls.
Vorgesehen sind jedoch zunächst keine menschlichen Aktivitäten. Die Erkundung möglicher Ziele soll durch ein weltraumbasiertes Teleskop erfolgen, während die Mission, Asteroiden einzufangen und zur Erde zu transportieren, ebenso von robotischen Systemen durchgeführt werden soll, wie die Gewinnung der Rohstoffe selbst - interessant ist dazu auch eine erst kürzlich vom Keck-Institut veröffentlichte Studie, die einen Überblick über Technologien, Kosten und mögliche Gewinne eines solchen Unternehmens bietet. Zwar handelt es sich um keine Publikation von Planetary Resources, aber die technischen Möglichkeiten erlauben nun einmal keine allzu tiefgreifenden Innovationen, und damit dürfte feststehen, dass auch Planetary Resouces einige Milliarden Dollar wird aufbringen müssen, um einen veritablen Brocken in eine erdnahe Umlaufbahn zu schleppen.

Die Kosten jedoch könnten unter Umständen nicht zum größten Problem werden, denn zu den Gründern zählen Eric Anderson, Gründer von SpaceAdvantures, sowie Peter H. Diamandis, Begründer des Ansari X-Price. James Cameron gehört ebenso zu den finanzkräftigen Unterstützern wie einige große Kapitalgeber, die ihr Engagement als Investition in die Zukunft betrachten.

Es wird spannend sein, ihren Weg zu verfolgen. Denn wenn man erst einmal seine Operationen in einer hohen Umlaufbahn um die Erde verlagern kann, ändern sich die Kostenstrukturen der Raumfahrt gewaltig. Teuer ist es immer, Masse zunächst einmal in die Erdumlaufbahn zu wuchten. Von dort aus gilt es zwar noch immer, das berühmte "Delta-v" zu erreichen (die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen Start-und Zielumlaufbahn), aber das kann über lange Zeit und mit Hilfe sehr effektiver elektrischer Antriebe erfolgen. Oder aber man hat zufällig eine "Tankstelle" für Sauerstoff-Wasserstoff. Beide Aspekte hat man im Fokus: Die Gewinnung von Treibstoff wie auch die Erzeugung wichtiger Raumschiffskomponenten direkt im Orbit.

Wie Corey und andere hat auch James Cameron solche Konzepte künstlerisch verarbeitet, zuletzt in "Avatar". Nun scheint er sich daran zu machen, diese Ideen in die Wirklichkeit zu tragen. Vielleicht ist das ja die noch fehlende Kundschaft für Bigelows private, aufblasbare Raumstationen und für das Raumtaxi "Dragon" von SpaceX. Vielleicht ...

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