Mittwoch, 20. Juni 2012

Beim Stöbern gefunden: Endzeit

Manchmal lässt mich eine Idee nicht mehr so richtig los - etwa die, eine Fortsetzung meines Perry Rhodan-Planetenromans Halo 1146 zu schreiben, der unter der Bandnummer 375 bei Heyne erschienen war. Und zwar ganz ungeachtet der Tatsache, dass es weder einen Auftrag dazu gab, noch - letztendlich - die Buchreihe, da sie eingestellt wurde. Es war sozusagen eine Art Hobby ... Und da ein Manuskript erst dann "statisch" oder "vollendet" ist, wenn es veröffentlicht wurde, erfuhr der Text immer wieder Veränderungen und Neufassungen, wie eine Fingerübung am Klavier, die man mal so, und mal so spielt. Vermutlich hätte ich in der Zeit auch vier Bücher schreiben können, und vermutlich wäre das auch besser gewesen, aber so war es eben.

Das Bild stammt aus einer "Interpretation" des Textes als "Online-Roman". Es zeigt Anarax, dem wir gleich begegnen werden ...  

Endzeit: Prolog

Im Leerraum zwischen Milchstrasse und Andromeda, 1162 NGZ

Es war das letzte Aufbäumen vor der Dunkelheit. Das letzte Licht für lange Zeit.
Hoch über dem einsamen Beobachter griff Eiseskälte nach dem Planeten. Störungsfronten tupften die Tropopause mit weißen Wolkenwirbeln, umgeben von Schleiern aus Eis, in denen sich der Sonnenuntergang zu rubinroten Skulpturen und  Vorhängen aus glühendem Karneol verfing, bis die Farben zu dunklem Amethyst und dem schwachen Widerschein fallender Schneeflocken verblassten. Das Licht schwand, die Nacht begann; minus 123 Grad Celsius, glomm ein Display im Blickfeld des einsamen Beobachters, und der Außendruck unterschritt gerade den tausendsten Teil einer Atmosphäre.
Der Beobachter – Kortrax – senkte den Blick. Am Himmel über ihm würde sich nun endlose Finsternis ausbreiten, eine Schwärze ohne Sterne, ohne Nebel, ohne den tröstlichen Schein eines Mondes, denn dort oben gab es nichts, was zwischen ihm und dem Abgrund stehen könnte, jener Leere, die ganze Galaxien verschluckte. Er wusste, dass er diesen Anblick nicht ertragen würde, und so schloss er die Augen.
Sollte er nicht einfach den Helm öffnen? – ein Griff, ein Schrei, Agonie ... und alles wäre ausgestanden und vorbei?
Wie so oft glitten seine Finger über den Öffnungsmechanismus seines Helmes.
Aber wie so oft zögerte er auch diesmal einen Atemzug zu lange.
Denn da war plötzlich ein neues Licht. Er presste die Augen zu, doch da dieses Licht mit dem Prozess des Sehens nichts gemein hatte, blieb es eine fruchtlose Geste; das, was er erst als einen verwaschenen Fleck wahrnahm, dann als eine Qualle, die aus dunkelster Tiefe aufstieg, um zu versengen und zu töten, entstand mitten in seinem Kopf, wo elektrische Entladungen zu einer unendlich langsamen Explosion aus Schmerz und Farbe anschwollen.
Abhrandor glitt über den Horizont.
Seine Finger, noch immer am Auslöseknopf, verkrampften sich in Spasmen, doch es gelang ihm nicht, den Knopf zu drücken, es gelang ihm nicht, den Helm zu öffnen und sich die Maske vom Gesicht zu reißen, die ihn zwang, all dies zu erdulden, es gelang ihm nicht, der Symbiose ein Ende zu bereiten, die so unabwendbar schien wie die Unendlichkeit des Weltalls, es gelang ihm nicht, seine Augen vor dem Licht zu verschließen und taub zu werden für die Stimmen, die nun in seinem Kopf zu singen begannen, zu einem Chor anschwollen, dessen erratische Melodie noch schwerer zu ertragen war als das grauenhafte Licht.
Doch die Hochphase ging vorüber, ohne dass er starb. Abhrandor entließ ihn wieder in seine eigene Realität. Als dies geschah, schmeckte er Blut auf seinen Lippen; alle seine Muskeln waren verkrampft, sein Herz schlug wie rasend, seine Lungen schrien nach Luft, denn er hatte ganz vergessen, zu atmen. All diesen Empfindungen spürte er nach, bis das Wissen um seine qualvolle Realität endlich den Albtraum Abhrandors vertrieb, und er es schließlich wagte, die Augen zu öffnen.
Um ihn herum war es finster. Der Anzug bemerkte seine geöffneten Augen und aktivierte die Lampen, sodass ihn aus der Dunkelheit heraus eine graue, verfallene Mauer ansprang. Als er den Kopf hob, schälten sich weitere Ruinen aus der Ungewissheit, große, schwere Steinquader, die Stümpfe zweier Türme, und dahinter schließlich weite, graue Dünenfelder, auf denen Blumen aus atmosphärischem Schnee erblüht waren – Atmosphärendruck: Praktisch Null. Temperatur: Minus 250 Grad Celsius. Er drehte sich einmal um seine Achse, bis er eine zweite Person in einem dunklen Kampfanzug entdeckte – Anarax, den Soldaten, der sich allmählich erholte, und dessen Qual er in einem winzigen Teil seines Gehirns eingesperrt hielt, wo sie an ihren Ketten zerrte wie ein gefangenes Raubtier.
Dann erst nahm er allen Mut zusammen und sah zum Himmel hinauf.
Den Kopf in den in den Nacken gelegt, den Geist so weit geöffnet, wie es ihm nur möglich war, spürte er, lauschte er in die absolute Dunkelheit hinein.
Und da waren sie: Fremde Gedankenmuster.
Stimmen, Bilder, Namen strömten auf ihn ein: Sanchez, Torn Deja, Ker'Kir ... so deutlich, dass er sich fast körperlich bei ihnen wähnte, er fast den Geruch von Metallplastik schmecken konnte. Kursvektoren entstanden in seinem Kopf, Energiebilanzen, die orbitale Mechanik einer Anflugparabel; Energieströme wurden überwacht, ein Lineartriebwerk in den Ruhezustand versetzt, ein letztes Bremsmanöver eingeleitet. Wer auch immer dort oben die Ortungsanlagen bediente, konnte auf dieser toten Welt kein Leben entdecken, keine Energiemuster und kein Licht; es gab dort nichts außer einem ausgedehnten Ruinenfeld rings um die Stümpfe zweier Türme, und so sanken Geschwindigkeit und Abstand weiter, auf 500.000 Kilometer, 300.000, 100.000. Schließlich kletterte das Objekt über den Horizont, ein Kugelraumer im Landeanflug. Seine Positionslampen blinkten träge, aus seinen Ringwulst flackerten die Flammen von Impulsmotoren, und als sich das Schiff den Türmen näherte, rissen seine Landescheinwerfer grelle Lichtfurchen in die Finsternis.
«Sieh gut hin, Anarax», flüsterte Kortrax: «Dies dort ist unsere letzte Chance.»
Anarax antwortete nichts.

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