Sonntag, 31. Juli 2011

ATLAN-MONOLITH: Plot-Elemente

Es ist Sonntag, die Familie ist auf Verwandtschaftsbesuch, und ich beschäftige mich mit Dingen, die weder mich, noch den Rest der Menschheit voranbringen (ich könnte eine Firma gründen: Wasted Times Enterprises). So surfe ich also durch die Gegend, bis ich auf die Rubrik Dramaturgie auf der englischen Wikipedia-Seite stoße.
Ah, und da war sie plötzlich, die Fortsetzung des letzten Posts zum Thema ATLAN-Monolith (zur Erinnerung: Er berichtet ein klein wenig davon, wie die Idee von Klaus N. Frick zu dem wurde, was heute als sechsbändiger Taschenbuchzyklus von FanPro vorliegt).
Wir - zu damaligen Zeit allerdings nur ich mutterseelenalleine - befinden uns auf der Dschungelwelt Lumbagoo, dem größten Mond des Gasriesen Ajatan, auf dem es vor Abenteuern nur so wimmelt. Aber ich habe da ein Problem: Der Cast der ersten beiden Bände rekrutierte sich aus der Besatzung des USO-Spähkreuzers IMASO, die von mir für den ersten Band (Planet der Silberherren von Uwe Anton) sehr, sehr schnell skizziert und von Rüdiger Schäfer für Band 2 (Todeszone Zartyrit) noch etwas erweitert worden war. Aber die IMASO war soeben abgestürzt, und welchen Weg Atlan in der Zukunft auch nehmen würde, er würde nicht die ganze Crew dieses Schiffes mit sich herumschleppen können und wollen. Das Schicksal und die Monolithen brachten ihn mit Santjun und Iasana Weiland zusammen, aber ich hatte das Gefühl, etwas mehr Exotik wäre angebracht. Während ich noch so über das Potential der diversen Eingeborenen grübele (allesamt Lemurer-Nachkommen), kommt mir plötzlich eine Idee ...
Was ich damals tat, ist plottechnisch als retconning bekannt - eine rückwirkende Änderung der Ereigniskette oder retroaktive Änderung der Kontinuität. Denn um die Idee umzusetzen, ließ ich  jemanden von den Toten auferstehen. Vermutlich hätte mir das jeder Leser übelgenommen, denn spätestens seit dem "Tod" von Bobby Ewing in Dallas ist es extrem verpönt, Tote auferstehen zu lassen, denn damit wird die Handlung doch sehr "beliebig". Aber ich hatte Glück: Rüdigers Manuskript war noch nicht in der Druckerei angekommen, und so bauten mir Lektorat und Rüdiger schnell noch einige entscheidende Sätze ein, die aus dem potentiellen retconning ein erlaubtes Handlungselement machten.
Allerdings wusste ich damals noch nicht, welches, und mit welchen Folgen. Irgendwo im tödlich gefährlichen Inneren des Monolithen von Zartyrit nahm Iasana Weiland jedenfalls eine positronische Teilabtastung des lemurischen Wachroboters Calipher vor (ein tapferes Mädchen!). Den komischen Kerl hatte ich eingefügt, um den uralten Monolithen etwas zu beleben und einen weiteren Hinweis auf die Lemurer abzusetzen - hauptsächlich aber, weil es mir einfach gefiel, wie ein Roboter 50.000 Jahre lang auf seinen Herren wartete und dabei ein eigenes Ego entwickelt, bis er sogar zu träumen beginnt. Aber Caliphers Schicksal war vorgezeichnet und konnte auch nicht mehr geändert werden: Calipher würde Atlan retten, indem er selbst in den Tod ging.
Und so geschah es auch.
Aber Iasanas Tat rettete jetzt einen Teil von ihm. Und dieser Teil würde auf Lumbagoo in einen terranischen Roboter vom Typ Gladiator transferriert werden, um Atlan bei seinen weiteren Taten zu unterstützen - so, wie man es auf dem genialen Titelbild (Echo der Verlorenen, von Hanns Kneifel) sieht: Calipher-SIM lebt und starrt in den Himmel ...
Aber dann machte Calipher, nun Calipher-SIM, unverhofft plottechnisch Karriere. In Band 4 von Marc A. Herren (Der Silbermann) wurde Calipher-SIM zum Verräter, denn wie sagt Terry Pratchett doch so trefflich: Es gibt an jeder Straßenecke zehn gute Dinge, für die man sein Leben lassen könnte, aber nur ein Leben, und so entschied sich Calipher-SIM zwischen einer blinden, verrückten Loyalität und einer anderen Form von Loyalität, die ihm auch noch ein Plätzchen zum Überleben bot. Vom (fast) Retconn und Statisten wandelte er sich damit zum eigenständigen Protagonisten ...
Band 4 kam und ging und das Expo für Band 5 (Ceres am Abgrund von Manfred H. Rückert) stand an. Die Gefahr war nun im Solsystem angekommen, aber auch Atlan hatte den Rückweg gefunden. Irgendwie konnte ich es nicht lassen, und fügte Calipher wieder in die Handlung ein, als Calipher-GEIST (die Idee lag ja schließlich nahe, aber auch Calipher-SIM hatte an diese Möglichkeit gedacht und entsprechend Vorsorge getroffen). Calipher-GEIST entwickelte sich zu einem typischen Plot-Voucher, einem Ding, das man aus Computerspielen kennt: Es bringt den Protagonisten in seinem Kampf voran, aber leider nur ein einziges mal, dann verfällt er. Calipher-GEIST half Atlan im eisigen Inneren von Ceres, und "verschwand" dann planmäßig von der Bühne. Der Kampf gegen die Silberherren eskalierte, aber Atlan behielt die Oberhand und rettete für's erste das Sol-System.
Nach dieser Klimax steuerten die Ereignisse auf die letzte Phase zu, die Auflösung. Neue Probleme entstanden: Noch war nicht entschieden, ob das ganze ein Drama werden würde, und wer das Opfer mimen musste (Atlan fiel natürlich als Todeskandidat aus, aber da gab es ja auch noch Santjun, Iasana, Naileth und andere), aber jetzt war die Zeit des Zögerns abgelaufen. Wie jeder Band bekam auch dieser seine eigene Einleitung, seine Klimax und seine Auflösung, aber wie sollte die Klimax aussehen? Atlan löste alle Probleme mit erfahrener Hand? Nein. Er würde in die Patsche geraten, würde Opfer beklagen müssen, würde kämpfen müssen. Klaus N. Frick hatte notiert: Tipa rettet Atlan, und die ganze Zeit quälte mich die Frage, wie um Himmels Willen Tipa denn nun eigentlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort würde auftauchen können, ohne als "Deus ex machinae" zu wirken ...
Ah, Calipher-SIM!
Calipher-SIM löste sich wie erwähnt in Band 4 von Atlan und traf auf Tipa. Damals erschien es mir eine gute Idee zu sein, ausgerechnet diese beiden Charaktere aufeinander loszulassen. Damit aber wurde Calipher-SIM zu einem starken, verbindenden Element, das ich jetzt für Band 6 Sprung ins Jenseits von Achim Mehnert nutzen konnte. Denn Calipher-SIM kannte ja eine Menge Hintergründe, und er hatte eigene Interessen, und er förderte Tipas Interessen - und plötzlich saßen sie alle, Atlan, Santjun, Tipa und Calipher-SIM,  in jenem versunkenen Monolithen von Chonosso, und alles fügte sich.
Calipher-SIM war, so sagt Wikipedia, zu Checkhovs Pistole geworden (der Schriftsteller, nicht der Steuermann der Enterprise): Ein beiläufig eingefügtes Handlungselement, das plötzlich handlungstragend wird.
Vom Lokalkolorit, dessen Tod dem Autor die Möglichkeit für etwas Tragik eröffnen sollte, über den Retconn, den Statisten, Protagonisten, Plot-Voucher bis hin zu "Chekhovs Pistol" -  das nennt man Karriere.
Mal sehen, wo sie einmal enden wird ... 

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